Sellastock-Mein Schicksalsberg
Am aller ersten Mai des Jahres 2026 haben sich mein Freund Jakob und ich zum Ziel gesetzt, den Piz Boe – den höchsten Punkt des Sellastocks – zu besteigen.
Wir machen uns um 06:15 Uhr auf und dringen mit Jakobs Alfa Romeo vor bis ins tiefste Gröden Tal, wo es nicht mehr weiter geht. Von ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel starten wir also los.
Unser erstes Ziel: der Einstieg vom Klettersteig. Jakob suchte extra einen südseitigen Klettersteig raus, der der zu dieser frühen Jahreszeit schon begehbar ist. Am Weg nach oben spielten wir noch am Bächlein und die Welt schien uns noch in Ordnung.
Am Einstieg vom Klettersteig angekommen, sehe ich eine gerade Wand. Bei genauem Hinsehen sieht man von rechts startend nach links übers Bild gehend das Seil, das den Weg markiert. Am Bild oben, zwischen den beiden Felsen, sieht man eine schwindelige Brücke, die auch Teil des Klettersteiges ist.
Wir ziehen uns die Klettergurte über und los. Jakob geht vor und steigt ohne Probleme über das erste Stück rauf und hat wieder einen stabilen Stand. Ich hänge mich rein und will ihm nachkommen. Dieses Vorhaben stellt sich allerdings als schwieriger als erwartet dar. Ich finde mit meinen Füßen nur sehr schlecht Halt und muss mich mit aller Kraft mit meinen Händen am Seil festhalten und versuchen, meine Füße gegen die Felswand zu pressen. Trotz aller Anstrengung finde ich keinen Weg. Ich presse mich immer noch an die Wand, aber spüre, wie abrupt meine Kraft in den Unterarmen nachlässt. Ich muss runter, ich kann mich nicht mehr halten. Also steige ich ein Stück runter und im ganzen Stress lasse ich los und will zu Boden springen, der nur 1 Meter unter mir ist. Das Seil an meinem Klettergurt ist aber nicht ganz lang genug. Ich sitze also in meinem Gurt, 5 cm über dem Boden, und meine rechte Hand hält noch an einem Haken fest. Leider am selben Haken, der auch mein gesamtes Gewicht trägt, weil die Karabiner dort aufgeschlagen sind. Ich klemme mir also meine rechte Hand zwischen Beton, Eisen und Karabiner ein. Aua.
Ich kenne mich erstmal garnicht aus.
Ziehe meinen Handschuh aus.
Welch ein Grauß.
Meine Finger pulsieren und fühlen sich komplett taub an. Also, als ob sie am Abfrieren wären. Mir wird schwindelig vom Schock. Jakob kommt runter, gibt mir ein Tempo fürs Blut und dann Pflaster. Ich liege also am Stein am Fuß des Berges und spüre drei Finger meiner rechten Hand quasi nicht. Schei…benkleister. Müssen wir umdrehen? Ach Mann, wie schlecht das doch war von mir. Aber ich will es nochmal versuchen. Das Gefühl kehrt in meine Finger zurück und wir entscheiden uns, es nochmal zu probieren. Jakob bleibt diesmal hinter mir und versucht, mir Tipps zu geben. Wohin ich meine Füße geben soll, wie ich mich halten soll. Ich finde aber einfach keinen Weg. Ich bin dieser Wand nicht gewachsen. Um dieses eine, quasi glatte Stück Fels zu bewältigen, macht mir Jakob schlussendlich eine Schlinge mit einem Seil, in die ich hinein steigen kann. Mit Hilfe dessen komme ich schließlich über dieses Stück hinaus und stehe wieder stabil in der Wand. Nur 5 Meter weiter am Klettersteig bin ich jedoch auf ein Neues überfordert. Gleiches Spiel: Ich versuche mich gegen die Wand zu pressen, damit ich nicht abrutsche. Meine Kraft in den Unterarmen ist aber einfach nicht da. Ich spüre, dass ich das nicht lange durchhalten kann. Ich steige also wieder zurück auf einen stabilen Stand und stehe vor der Krise. Ist es ein Mindset Problem, frage ich mich? Habe ich Angst und muss einfach commiten? Ich ringe mit mir … Ich kann das schaffen, sage ich mir. Ich setze nochmal an, aber nichts. Einfach kein Durchkommen. Ich muss mir schweren Gewissens eingestehen: Wenn dieser Klettersteig so weiter geht, dann sehe ich mich nicht, darüber hinaus weiter zu gehen.
Wir steigen also die 10 Meter, die wir gekommen sind, wieder ab. Zum Glück kennt mein Bergbuddy ALLE Wege und wir. Wir machen uns also über einen anderen, etwas längeren Weg auf zum Gipfel. Dazu müssen wir ein langes Schneefeld überqueren, durch einen Schluff rauf gehen und dann wieder zurück zum Gipfel. Problem nur, es ist warm, der Schnee ist weich und man bricht mit jedem zweiten Schritt ein. Nachdem meine Schuhe schon einiges an Schnee in der Lasche aufgefangen haben und meine Körperwärme ihn zu Wasser geschmolzen hat, entscheide ich mich, die alten Gamaschen meines Vaters anzuziehen. Dazu später mehr. :)
Wir überqueren also für geschätzte 1,5 Stunden dieses Schneefeld. Und hinterlassen einen süßen Trampelpfad!
Und: Meine Gamaschen haben sich auch nicht direkt als Hilfe herausgestellt, sondern waren eher ein Trichter, der allen Schnee geradewegs unter meine Fußsohlen beförderte. Ich konnte ab dann bei jedem Auftreten spüren, wie sich das kühle Nass zwischen meinen Zehen hoch drückt.
Ich bin dennoch optimistisch, dass wir den Gipfel erreichen werden, und peitsche Jakob noch etwas voran. Hater würden sagen, dass meine gute Laune nur deswegen noch besteht, weil ich keine Ahnung habe, wie die Bedingungen weiter oben sind und wie weit es noch ist.
Mittlerweile ist es 12 Uhr mittags. Wir gehen steil nach oben, durch den Schluff, und sehen zum ersten Mal den Gipfel.
Und leider auch alles überall Schnee soweit das Auge reicht. Ich hatte irgendwie darauf gehofft, dass es einen schönen Weg gibt, der bereits oper ist.
Naja.
Expeditionsleiter Jakob Baumgartner schlägt einen Abbruch vor, und ich gebe ihm recht. Es ist wohl besser, wenn wir jetzt zurück gehen. Wir haben nämlich am Abend noch eine Verabredung zum Pizza essen!
Am höchsten Punkt, den wir an diesem verflixten Tag erreichen sollten, essen wir also zu Mittag und ich muss mich zum 2. Mal heute dem Berg geschlagen geben.
Nichtsdestotrotz war es lustig und sehr schön! Aber meine Finger tun auch, während ich das hier tippe, noch ein bisschen weh …